DAS WAR DIE »GUTE, ALTE ZEIT«
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ERZIEHUNG UND BESTRAFUNG
Bevor ich hier über Erziehungsmethoden in der »guten, alten Zeit« berichte, die heute undenkbar und sogar strafbar wären, muß ich kurz meine Eltern vorstellen. Denn du wirst beim Lesen vielleicht manchmal meinen, dass mein Vater oder meine Mutter rohe, barbarische Typen waren. Das waren sie nicht! Sie waren freundliche und disziplinierte Menschen, für die das Arbeiten und Sparen an oberster Stelle stand. Die Kindererziehung beschränkte sich auf Gehorsam, Sauberkeit und Höflichkeit. Sie liebten uns, aber sie zeigten es nie, sie umarmten uns nie. Sie hatten es nicht anders gelernt, mit ihren Kindern umzugehen. Mit ihnen selbst wurde in der Kindheit genau so verfahren und vermutlich noch schlimmer. Sie gaben also nur das weiter, was sie unter Erziehung verstanden.
Der Vater war eines von zwölf Kindern einer Familie in Bad Leonfelden. Seine Mutter war Hebamme, sein Vater starb früh. Mit 12 Jahren mußte er Schweine hüten, dann lernte er Tischler und mußte wie alle damals auf Wanderschaft gehen. Er hat nie über seine Kindheit und Jugend geredet und nur einmal das »Sauhüten« erwähnt.
Die Mutter aus Linz hatte nicht so viele Geschwister, aber ich glaube, es waren auch sechs oder sieben. Die Armut, die damals herrschte, können wir nur erahnen: Als Kind mußte sie gemeinsam mit einer Schwester in der herausgezogenen Schublade eines Kastens schlafen, da keine Betten für sie da waren und auch der Platz dafür fehlte.
Beide, Vater und Mutter, wurden aber gebildete und hochgeachtete Menschen: Die Mutter eine weitum bekannte und sehr begehrte Hebamme, der Vater ein guter Tischler, der sogar feine Intarsienarbeiten machen konnte, und zuletzt war er Straßenbahn-Führer, den die Fahrgäste so schätzten, dass sie nur mit seiner Straßenbahn mitfahren wollten und nicht in eine andere einstiegen, wenn sie Zeit hatten zu warten. 
Beide hatten viele Freunde und Bekannte. Beide lasen sehr viel. Und sie waren sehr gastfreundlich. Sie achteten darauf, dass wir immer höflich, rücksichtsvoll, sauber und gehorsam waren. Erwachsenen-Themen wurden mit uns Kindern nie besprochen. Zwischen uns und ihnen blieb immer eine große Kluft.

DER BALL
Meinen Vater lerne ich als kleines Kind kaum kennen. Kurz nach meiner Geburt beginnt ja der Zweite Weltkrieg und der Vater muß einrücken, wie alle Väter damals.
Erinnern kann ich mich in dieser Zeit nur schemenhaft an ihn und an ein Weihnachten mitten im Krieg, es muss Weihnachten 1942 sein. Da ist der Vater von der Front auf einen kurzen Heimat-Urlaub nach Hause gekommen.
Und da geschieht etwas, das mich selbst als Erwachsene noch schmerzen sollte.
Ich bin 3½ Jahre alt, meine Schwester Wilfriede knapp 2½ Jahre. Wir zwei kleinen Mädchen sitzen im Wohnzimmer auf dem Boden mit einem Ball. Um den Ball zwischen uns hin und her rollen zu können, ohne dass er uns davonrollt, grätsche ich meine Beine und drücke auch meiner gegenüber sitzenden Schwester die Beine auseinander, damit ihre Füsschen an meine anschliessen. Dabei fällt Wilfriede aber plötzlich nach hinten auf den Rücken und wird vor Schreck kurz besinnungslos. Meine Mutter packt voller Angst das Kind und klopft und schüttelt es. Und mir gibt der Vater mit seiner großen Hand eine Ohrfeige. Mir rinnt gleich das BLut aus der Nase. Dann packt er mich, stoßt mich ins Badezimmer und macht die Tür zu.
1942: Wilfriede (hinten) und ich im Kindergarten. Dieses Foto ist mehr als nur
ein Schnappschuß. Es zeigt uns, wie wir zwei Schwestern unser ganzes
Leben
lang waren: Wilfriede lieb, fröhlich und freundlich, und ich ernst und traurig.
Ich weine und Blut fließt mir weiter aus der Nase. Im Badezimmer liegt ein Haufen Bettwäsche - zum späteren Waschen vorbereitet. Ich bin todtraurig und wütend und fühle mich ungerecht behandelt: Ich wollte doch nicht, dass meiner kleinen Schwester was passiert. Nun räche ich mich im Badezimmer für die Ohrfeige: Ich blute die Bettwäsche an, und wenn ein Blutfleck groß genug ist, rücke ich ein Stück weiter. „Material“ habe ich ja genug, denn das Nasenbluten hört nicht auf.
Dann läutet es: Meine Lieblings-Tante Paula, eine Schwester meiner Mutter, kommt mit der Großmutter. Sie schaut zwar kurz zu mir ins Badezimmer herein, macht aber die Tür gleich wieder zu, ohne ein Wort zu sagen. Ich fühle mich einsam und verlassen und trostlos und ungeliebt. Hier endet meine Erinnerung. Vermutlich bin ich dann im Badezimmer eingeschlafen.

Seltsam, dass mich dieses Ereignis mein ganzes Leben lang begleiten sollte. Und ich empfand als Erwachsene die gleiche Wut und den gleichen großen Schmerz wie damals als kleines Mädchen.
Erst das Niederschreiben dieser und ähnlicher Erinnerungen hat mich aus der schmerzvollen Umklammerung befreit. Ich kann das Schreiben nur jedem empfehlen, der Leid in der Kindheit oder Jugend erfahren mußte. Während des Schreibens kommen zwar die alten Schmerzen hoch und Tränen fließen. Aber jede weitere Zeile, jedes weitere beschriebene Ereignis saugt das Leid auf wie Löschpapier.

   
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